Das Elixier des Lebens
Es gibt einige Klischees, die uns Lehrern anhaften, und die wir trotz größter Mühe nicht loswerden können. In seiner Kategorie “Typisch Lehrer!?“ behandelt der Pausenkaffee mit einer gehörigen Portion Humor eben jene Vorurteile und sucht für fehlende Themen auch mal Gastautoren.
Dies erklärt mein Erscheinen hier, denn ich möchte mich dem Thema “Kaffee” widmen und wünsche dabei ganz viel Spaß.
Es gibt Dinge, die diskussionslos zusammengehören, wie zum Beispiel Lehrer und Kaffee. Was aber ist der Grund für den Erfolg jenes Getränkes, wie avancierte es zu everybody‘s darling, sodass es aus dem Lehrerzimmer nicht mehr wegzudenken ist?
Die Schwierigkeit des Kaffeetrinkens beginnt schon lange zuvor. Wer hat Kaffeedienst, muss die Kannen aufsetzen? Zwei Stück ziert unsere kleine Theke in der Küche, und wenn sich nicht die Ersten, die morgens kommen, dafür verantwortlich fühlen, dauert es ein wenig, bis es den ersten Koffeinkick gibt.
Ist ein Freiwilliger gefunden, so muss für das Material gesorgt werden. Kaffeefilter und Kaffeepulver auf einem Level zu halten, dass wir nicht Fasten müssen, weil uns unser liebstes Gebräu ausgegangen ist, zeigt sich als kompliziert. Am Besten gibt es eine Kaffeekasse, in die jeder Kollege je nach Verbrauch einzahlt, nur muss sich dann wiederrum jemand finden, der loszieht und einkauft…. Schwierig, das alles.
Zucker und Süßstoff zu teilen ist nicht schwer, wie vorbildlich dies in den Lehrerzimmern geschieht! Nur bei der Milch wird es dann wieder schwierig. Sie hält sich auch im Kühlschrank nicht ewig, und dann gibt es noch so viele verschiedene Arten, die getrunken werden! Der Kollege trinkt die 1,5er, die Kollegin die 0,5er. Der Nächste schüttet lieber die vierte Kaffeesahne in die immer trüber werdende Wohltat mit Namen Kaffee, während die Referendarin momentan auf dem Trip ist nur noch Sojamilch zu sich zu nehmen, weil das besser für die Haut oder sonst irgendwas ist.
Ist aber erst einmal alles da, Pulver, Filter –ein Glück kommt das Wasser aus der Leitung- Zucker, Milch und jemand, der sich fürs Kaffeemachen verantwortlich fühlt, gibt es eine weitere Hürde, die es zu überspringen gilt. Denn wohin mit dem Kaffee, der schon in der Kanne auf den Genuss wartet?
Wir haben Becher, ja, Überbleibsel von Studentenbuden, Feiern, von Haushaltsauflösungen und Zusammenzügen. Becher mit den lustigsten Sprüchen, die schon halb verwaschen sind, mit Motiven, die man lieber mit beiden Händen verdecken sollte, Fußballvereinen und kleinen Kätzchen, Blumenranken, Glitzer und Karikaturen, die aus allerlei Gründen aus dem Schrank verbannt oder von der Ehefrau in einer Kiste in den Keller gestellt wurden.
Dann ist er da, der große, der prächtige, der wunderbare Moment, in dem die Kollegen ihren Kaffee bekommen. Und hier zeigt sich ganz schnell: Kaffee ist mehr als ein Heißgetränk. Schon bei einem Blick durch das Kollegium wird das mehr als deutlich.
Da sitzt die Kollegin, die schmalen Finger um den heißen Becher gelegt, braucht die Wärme, nur ein bisschen von diesem wunderbaren Gefühl, bevor es dir die Handflächen verbrennt, den Halt, welchen ihr die Tasse gibt, den Trost.
Und der Kollege ihr gegenüber hält ebenso fest, nur starrt er hinein in die Rundung seines Bechers, ihm ist nicht aufgefallen, welches Motiv er hat, denn seine Gedanken sind wo anders, und er will ein wenig dort bleiben, in seinem eigenen Kopf, dicht bei sich, und so wie er da sitzt, ist der Kaffee sein Ticket nicht angesprochen zu werden.
Am Nachbartisch sitzen die älteren Kolleginnen, ihre Lästerrunde ist ohne ihn nicht auszudenken. Manche setzen sich dazu, doch nur solange ihr Kaffee voll ist, und sobald sie diesen geleert haben, entschuldigen sie sich und wenden sich wieder anderen Dingen zu. Es ist praktisch die Zeit dort selbst so regulieren zu können.
Über wen sie als erstes lästern, ist der Referendar, welcher mit seiner Band gestern einen Auftritt hatte und noch nachts nach Hause gefahren ist. Er trinkt seit einer guten Viertelstunde einen Becher nach dem anderen und hofft, so zumindest den Nachmittag noch durchzustehen.
Einen vielsagenden Blick tauscht das Ehepaar, als sie damals auf Feiern waren, haben sie die Nacht durchgemacht. Heute sind sie weit davon entfernt, aber sie vermissen es auch nicht. Und wenn er ihr einen Kaffee mit Milch in die Sammlung mitbringt, ein Stück Zucker, den zuerst in die Tasse, lächelt sie ihn dankbar an.
Einen Becher mit dem dampfenden Getränk bringt auch der Kollege zum Junglehrertisch, an dem eine der Frauen aufgelöst sitzt. Er hat nicht mitbekommen, was wieder vorgefallen ist, vielleicht irgendwas mit ihrem Freund, man weiß es nicht so genau. Er will sich nicht einmischen, er will sich nicht aufdrängen. Aber er stellt ihr einen Kaffee hin in einer tröstenden Geste und sagt damit nur, dass er bei ihr ist, an sie denkt.
Draußen stehen die Kollegen, die rauchen, mit Zigaretten und Kaffee, die Mischung aus Dampf und Rauch wirkt eigentümlich, aber die Stimmung ist gelöst. Einen Kaffee zu trinken bedeutet sich das Recht herauszunehmen Pause zu machen, für viele zumindest. Und es ist schön nach dem ersten Schluck durchzuatmen und mit irgendeiner Alltäglichkeit ein Gespräch zu eröffnen.
Und manchmal, eher selten, wenn es mit der Pause nicht so hingehauen hat, dann lassen wir den Kaffee stehen und er wird kalt, aber selbst da findet sich meist jemand, zumindest einen, der das sogar mag. Für die anderen gibt es dann bereits neuen Kaffee, und das Spiel geht von vorne los, oder, was auch möglich ist, es kommen noch Facetten hinzu.
Kaffee ist im Lehrerzimmer das Elixier des Lebens, nicht weniger als das. Denn sieht man sich genau an, wie er getrunken wird, vor allem aber warum, merkt man schnell, dass es nicht nur um irgendein Getränk geht.
Es grüßt ganz lieb
Frau Falke
Namensfindung
Ich wurde schon öfter darauf angesprochen und irgendwie nervt es mich selbst. Der Blog hat inzwischen einige Leser, aber sie scheuen sich nachvollziehbar mich anzuschreiben, weil sie… nicht wissen, wie
und Mr. P im englischen eher unpraktisch klingt.
Also: der Autor dieses Blogs braucht einen Namen! Welchen schlagt ihr vor? Bitte seid kreativ und lasst euch was einfallen! Keine Vorgaben meinerseits, vollkommene Freiheit eurerseits.
Schlüsselrollen
Freitag, irgendwann zwischen der ersten und zweiten Stunde. Kaffeekochend stehe ich in der Physik, als die Tür zur Vorbereitung geräuschvoll geöffnet wird und ein Schlüsselbund quer durch den Raum fliegt und scheppernd neben mir landet, nachdem es eine Schramme im Schrank hinterlassen hat.
An meiner Schule (und vermutlich an jeder anderen auch) haben wir die verschiedensten Typen von Lehrern. Als erstes sind da diejenigen, die sich aus vielen unangenehmen Aufgaben raus nehmen, ihr eigenes Ding machen und ein ruhiges Leben in der Schule haben. Das ist ok, wenn auch für die anderen ab und an etwas nervig herausfordernd. Dann gibt es diejenigen, die eine für sich funktionierende Möglichkeit gefunden haben, Aufwand, Anerkennung und Nutzen in einem erträglichen und beinahe gesunden Rahmen zu halten. Das ist ok, solange dieses fragile Gleichgewicht nicht ins Wanken gerät (dazu aber ganz sicher später noch mehr). Die beiden oberen Kategorien beschreiben ca. 75-85% der gesamten Schulgemeinde, den Rest machen die “Arbeitstiere” aus.
Arbeitstiere sind diejenigen, die sich engagiert und selbstaufopferisch vor jede Aufgabe spannen, bis sie schlussendlich erledigt ist. Sie sind schließlich die einzigen, die diese Aufgaben meistern können. Sie sind selten Mitglieder in Gremien, da in diesen zu viel geredet und zu wenig gehandelt wird. Sie beteiligen sich an schulpolitischen Themen, sagen ihre oft unangenehme Meinung in Konferenzen und nehmen die Dinge in die Hand, wenn sie anfallen. Diese 15% der Lehrerschaft erledigen also gefühlte ca. 95% aller anstehenden schulinternen und damit für Eltern und einige andere unsichtbaren Aufgaben. Man erkennt sie am raschen Schritt durch die Gänge, der beschäftigten Anspannung im Lehrerzimmer und dem stets besorgten und teils genervtem Blick.
Ich schau den Schlüssel an, heb ihn auf und lege ihn verwirrt auf den Kaffeetisch. Mein Sammlungsleiter, einer der 15% und bei diesen irgendwo im oberen Drittel, ist wütend. Zu recht. Eine spontane Vertretung (an unserer Schule nicht unüblich) traf ihn. Das alleine ist noch kein Beinbruch. Aber mein Sammlungsleiter hat in der zweiten Stunde einen Arzttermin, den er nicht verschieben kann. Theoretisch auch nicht schlimm, aber bei der Meldung dessen im Sekretariat, wurde er ermahnt, dass er doch eine Unterrichtsverpflichtung hat und sich doch aus Aufgaben nicht ständig rausnehmen kann.
Er.
Ein Mensch, der für die Schule und die Schüler lebt. Der die verdammt komplizierte Aufgabe hat, eine Fachschaft verrückter Möchtegern-Superschurken mit hoch qualifizierten Lehrkräften in der Sammlung zur Ordnung zu bringen. Der sich mit Projekten, Schulfesten, drei Kindern (wohlgemerkt an der selben Schule), Problemen der Fachschaft, fehlenden Glühlampen, kaputten Messgeräten, nervigen Schülern und 30 (!) Wochenstunden in seinem Plan “aus Aufgaben raus nimmt” und trotzdem die Zeit hat nimmt, Fragen eines nervigen Referendars zu beantworten.
Liebe Schulleitungen: auch wenn viele Aufgaben erledigt werden, von denen ihr zu recht keine Ahnung habt – sie werden erledigt und müssen gewürdigt werden. Nicht diejenigen, die am meisten reden, sondern die, die am meisten tun, verdienen Respekt.
Große Pause (1)
Es klingelt! Glücksgefühle pur, denn die, natürlich schon seit mindestens 5 Minuten mit Jacken, Ranzen und Butterbrot bewaffneten Schülerinnen und Schüler stürmen gut gelaunt aus der langweiligen Mathestunde hinaus in die Freiheit. Der Schulhof wartet mit all seinen Abenteuern, Gesprächen über die letzte Arbeit, der wärmenden Sonne und die Umarmungen schon ewig nicht mehr gesehener Freunde! Man kann sich austoben, spielen, reden, oder einfach nur die Sonne im herrlichen Wetter genießen oder sich zumindest bei Niesel gemeinschaftlich darüber aufregen. Und die Lehrer? Können sich von anstrengenden Unterrichtsprozessen im Lehrerzimmer zur Ruhe begeben, reflektieren, austauschen und planen. Sie können in diesen wertvollen Minuten Kraft für Neues schöpfen, damit sie – natürlich nur durch die Möglichkeiten, die diese Pause bietet – voll und ganz vom stressigen Morgen erholen.
Große Pause! Die genialste Erfindung seit Menschheitsgedenken zum Wohle aller in unserer herrlichen Schulgemeinde!
So ist jedenfalls die Meinung der Schulleitung und der Kultusministerien dazu. Lenken wir unseren Blick zunächst weg vom Lehrerzimmer auf den Rest des Gebäudekomplexes.
Fluraufsicht und die Karte des Rumtreibers
Flur 3/4.* Wo immer das ist. Wusste bisher gar nicht, dass wir dreiviertel-Flure haben, aber beuge mich, wie jeden Donnerstag meinem Schicksal. Pausenaufsicht bedeutet im Grunde genommen, dass wir irgendwo rumstehen, warten und aufpassen müssen, dass sich die Kids nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen. Während sie auf dem Hof sein müssen. Deswegen stehe ich im Flur 3/4. Klar, oder? Ab und an laufen junge Lernende durch die Gänge oder sind in den Klassenräumen, die ich höflich, aber bestimmt, darauf hinweise, dass sie doch bitte nach draußen gehen sollen. Interessant ist, was man da so alles zu hören bekommt.
“Ich bin aber Oberstufe.” Eigentlich ein vollständiger Satz. Subjekt, Prädikat, Objekt – alles vorhanden. Trotzdem weigere ich mich anzunehmen, dass ein einzelner Schüler die komplette Oberstufe repräsentieren kann. (Ok, wir sind auch Papst, aber das ist ein ganz anderes Kaliber.) Blöd für die Schüler ist nur, dass selbst das Prädikat “Oberstufe” nicht dazu geeignet ist, drinnen bleiben zu dürfen, denn laut Schulordnung müssen ALLE nach draußen. Das ist den wenigsten bewusst, selbst unter den Lehrkräften besteht da Uneinigkeit, also lasse ich ihn gewähren, immerhin murmelt er auch noch was von Klausuren.
“Brot holen”. Ok. Das ist seltsam. Zum einen aufgrund fragwürdiger Grammatik. Zum anderen: Es ist große Pause, alle schnappen sich ihre Jacken, Handys und was weiß ich nicht noch… Und drei Minuten vor Pausenende schlurft ein Schüler rein und will sein Brot holen? Diesmal bin ich unnachgiebig. Er muss draußen bleiben und soll sein Brot gefälligst in Latein essen (übrigens eine meiner Standardantworten, wenn Schüler in meinem Unterricht Mist bauen. “Macht das doch in Latein.” Das Tolle ist nämlich, dass die meisten vor ihrem Lateinlehrer Angst haben und es dort definitiv nicht machen würden. Verständlich, er spricht schließlich eine ausgestorbene Sprache. Und das in der Regel fließend und akzentfrei. Blöd nur, wenn die Klasse geschlossen Französisch hat)*.
“Wo ist Frau Bröll?”. Hier werde ich hellhörig. Immerhin weiß ich ganz genau, wo alle Lehrer im Augenblick sind. Ich greife hinter meinen Rücken, hole ein leicht vergilbtes Papier heraus, falte es langsam und bedächtig auf… Im Flur gehen einige Lichter aus, eins flackert nur noch und stirbt dann auch. Ein bedrohliches Zwielicht wirft sich auf die Szene. Das Blatt Papyrus ist leer, ich schnappe meine Kreide, tippe kurz mit den Worten “Ich schwöre, dass ich eine Lehrkraft bin” darauf… Schon erscheint der ausführliche Grundriss unserer Schule. In allen 5 Ebenen. Gleichzeitig. Wie genau die komplexe Wahrnehmung dessen geschieht, kann niemand genau sagen, das sind schließlich Schulgeheimnisse. Auf der Karte sind alle Namen und Aufenthaltsorte aller Kollegen klar beschrieben, kleine Fußstapfen zeichnen die Wege, der Schulleiter geht unruhig im Büro auf und ab. Nach kurzer Zeit gebe ich den Ort der gesuchten bekannt, lächle ein wenig stolz. Tippe danach erneut auf die Karte und flüstere “Tat begangen”. Im Flur gehen die Lichter wieder an, alles sieht normal aus. Der Schüler schüttelt ungläubig den Kopf und lässt mich mit den Worten “Gibts dafür keine App?” mit offenem Mund im Flur stehen.
Klartext: liebe Schüler, liebe Eltern. Wir haben keine Ahnung. Wir wissen nicht, ob ein Kollege noch im Haus ist, wo er grade Unterricht hat oder was er in der Pause tut. Wir haben keine Ahnung, welcher Kollege heute krank ist, warum niemand zu Vertretungen erscheint. Wir sind froh, wenn wir selbst wissen, wann und wo wir Vertretungen haben. Wir sind froh, wenn wir uns die Namen unserer Fachschaften merken können oder die Lage unseres eigenen Faches merken können. Nein, wir sehen euch nicht an, ob ihr Ober- Mittel- oder Unterstufe seid. Wo ihr gleich Klausuren oder Arbeiten schreibt, ist uns in aller Regel vollkommen egal und außerdem ebenfalls unbekannt, solange es nicht unsere eigenen sind. Wir sind nicht allwissend.
Trotzdem hätte ich gern so eine Karte. Oder zumindest eine passende App.
*Ja, es steht tatsächlich genau so auf dem Plan.
Typisch Lehrer!?
Wenn über Lehrer geredet wird, kommen sehr viele Dinge zusammen. Erinnerungen an die eigene Schulzeit, schlechte Lehrer, die einen nur genervt haben, schlechte Noten, nervige Mitschüler, dämliche Eltern, strenge Schulleiter, blöde Schule… Hab ich was vergessen?
Einige Dinge sind einfach typisch für Lehrer. Darüber braucht man eigentlich keine großen Worte zu verlieren, denn diese Dinge sind allgemein bekannt, von der Gesellschaft als absolute Wahrheiten akzeptiert und dulden auch keinen weiteren Widerspruch.
Ihr wisst, wovon ich rede. Schließlich sind Lehrer nur gut bezahlte Halbtagsjobber, die während der Ferien mehrere Wochen in Urlaub fahren. Wir wissen vormittags alles und nachmittags wissen wir es sogar noch besser. Trotz alledem haben wir keine außerschulischen Freunde, weder Privat- noch Sexualleben und wohnen in der Schule. Wo wir einkaufen oder Essen ist ein Geheimnis, das Lehrerzimmer ein Raum voller Wunder. Außerdem stehen die Unterrichtsvorbereitungen darin, sodass jeder nur vorbei kommen und sich die passenden Mappen für genau das passende Thema für genau die passende Klasse greifen muss. Außerdem lieben wir Tweed-Jacken. Mit Aufnähern. Unser gesamter Kleiderschrank ist voll davon! Außerdem sind wir natürlich allwissend, was alle Schulinterna und -externa angeht. Von der Unfähigkeit der Notenvergabe bei Vergessen des Würfels kaum zu sprechen…
Hab ich irgendwas Wichtiges vergessen? Dann lasst es mich wissen! Denn ab heute gibt es eine neue Kategorie: “Typisch Lehrer!?“, in der all diese kleinen und großen Klischees aufgerollt und besprochen werden sollen. Natürlich immer mit einem oder zwei zwinkernden Augen und den passenden Begebenheiten, die es dazu gibt.
Wer also noch Themenvorschläge für diese Rubrik hat, kann und soll einen Kommentar hier hinterlassen oder auch einen Gastbeitrag verfassen.
Ihr werdet also in den nächsten Wochen wieder verstärkt von mir zu lesen bekommen!
Unfassbar
Unfassbar ist ein Adjektiv. Adjektive beschreiben Hauptworte. Würden sie das nicht tun, wären es Adverbien. So viel zur Theorie. In den letzten Tagen konnte ich einiges nicht fassen und davon handelt dieser kleine Ausschnitt meines Lebens, der mir gezeigt hat, wo die Grenzen meiner eigenen Belastbarkeit und auch meiner eigenen Dämlichkeit liegen.
Wie alle guten Geschichten fängt auch diese mit Kaffee an. Und endet eigentlich auch mit Kaffee. Genau gesagt handelt sie von Kaffee. Vielleicht sollte ich mal einen Artikel aus der Sicht meiner Kaffeemaschine schreiben. Sicher machbar, oder was meint ihr? Stellen wir uns eine Szene vor. Schwarzweiß, dazu eine verrauchte Männerstimme aus dem Off…
Kapitel 1 – der erste Kaffee
Es ist wieder einer dieser schrecklichen Samstage. Kaum kriecht die Sonne hinter dem Horizont hervor und die ersten Strahlen wagen sich noch müde über den grauen Asphalt der Straße, schon klingelt ein Wecker. Ich hasse Wecker. Vor einigen Jahren hatte ich eine Beziehung mit einer süßen kleinen Taschenuhr, die mir dann das Herz brach, als sie mit dem Wasserkocher durchbrannte. Er hatte es aber auch verdient, schließlich lag das Kabel schon eine ganze Weile frei und es… es war schließlich nur eine Frage der Zeit. Augenzeugen sagen, es wäre ein Unfall gewesen. Niemand konnte etwas dazu. Ich hüte mich davor ihnen zu widersprechen. Aber das Klingeln dieses Weckers. Nervtötend, durchdringend und störend. Das Problem ist, dass ich genau weiß, dass er in wenigen Minuten erneut anspringt. Es lohnt sich also nicht den Sonnenaufgang zu bewundern, da jeden Moment wieder dieses schrille und bis ins Mark dringende Piepen zu hören sein wird.
Heute nicht. Heute ist etwas anders. Ein anderes Wochenende als die üblichen. Man spürt es sofort, als würde Elektrizität in der Luft liegen, eine Spannung, die kaum richtig zu definieren oder zu beschreiben ist. Geraschel von der anderen Seite der Wand, dann Schritte und trotzdem ist noch niemand zu sehen. Man kann das Plätschern von Wasser aus der Ferne vernehmen, ein leises Singen im morgendlich angeschlagenen Tenor unter der Dusche. Das Geräusch verstummt, erneut Geraschel von hastig übergeworfener Kleidung, das Klacken einer sich öffnenden und daraufhin wieder schließenden Tür und dann kommt er.
Wieder einmal werde ich benutzt. Benutzt wie schon so viele Male davor, aber es ist ein gutes und auf eine perfide Art befriedigendes Gefühl, gebraucht zu werden. Der erste am Tag. Ungewöhnlich, da sonst erst nach dem Mittag Gebrauch von mir gemacht wird. Irgendetwas ist anders. Ich kann es riechen. Es ist nicht der normale Gestank eines Morgenmenschen. Ein Hauch salziger, trockener.
Ein Handy klingelt im Wohnzimmer, er geht dran, spricht ein paar Worte, hört zu. Dann legt er es weg. Setzt sich hin und starrt an die Wand. Mehrere Minuten lang starrt er einfach nur die Wand an. Warum starrt er an die Wand? Das Frühstück fällt karg und ungewöhnlich leise aus, zwei Scheiben Toast eine Tasse Tee, danach verschwindet er im Wohnzimmer. Außerhalb meines Sichtfeldes. Ich höre, wie ein Rechner hochgefahren wird, vermutlich der Laptop.
Danach wieder Stille. Kein Klappern der Tasten auf der Tastatur, kein Klicken der Maus. Dann, ganz plötzlich – als wäre ein Sturm hereingebrochen – das Schlagen einer Faust auf den Tisch, ein erstickter Schrei. Danach nur noch das Klappern der Tasten. Unaufhörlich, stetig. Unterbrochen nur von wenigen Sekunden des Denkens. Mehrere Stunden einfach nur dieses Klappern, dieses Hämmern, das die Schaltkreise durcheinander bringt. Als wäre der Teufel hinter ihm her.
Kapitel 2 – der zweite Kaffee
Eine Pause. Stille. Dann wieder Schritte, und das bekannte Gesicht im Türrahmen. Er sieht blass aus. Müde, erschöpft und blass. Leicht rote Augen, als hätte er schlecht geschlafen oder wäre krank. Was ist nur los? Ich kann es nicht im Entferntesten erahnen. Schon die letzten Tage war es ähnlich. Stundenlang konnte man das Hämmern auf die Tatstatur hören, unterbrochen von vielen Pausen, Gesprächen mit anderen, Abwesenheit und guter Laune. Sogar gelegentliches Gitarrespielen unterbrach die Arbeit. Aber heute? Es stimmt etwas nicht. Es ist Abend und ich muss schon die zweite Tasse Kaffee zubereiten. Ungewöhnlich, da er sonst höchstens eine am Tag zu sich nimmt, wenn er zuhause ist. Und um diese Uhrzeit?
Es klingelt an der Haustür. Warum habt ihr nur so viele Dinge die Klingeln? Nervt euch das nicht selbst? Ich klingle nicht, ich bin lieber stumm als laut. Vielleicht solltet ihr euch da ein Vorbild nehmen. Der Pizzadienst bringt das Abendessen. Schnell rein, dann weiter arbeiten. Die Straßenlaternen nehmen den Platz der untergehenden Sonne ein. Ein graues, trauriges Licht fällt in mein Heim. Es muss schon spät sein. Die Lichter der anderen Häuser gehen Stück für Stück aus, im Wohnzimmer brennt es immer noch.
Ich habe kein Zeitgefühl, eine Eigenschaft, die es leicht macht mehrere Wochen oder gar Monate unbenutzt zu bleiben, ohne durchzudrehen. Aber der Lauf der Sonne, die Geräusche des Tages zeigen mir, wie die Stunden laufen. Immer noch klappert das Wohnzimmer durch den schmalen Durchgang. Wie lange er jetzt wohl schon arbeitet? Und flucht?
Kapitel 3 – der dritte Kaffee
Träume ich? Es kann nicht sein, aber die Sonne geht auf. Sie darf nicht aufgehen, denn bisher ging sie immer nur auf, nachdem er sich schlafen gelegt hatte. Oder habe ich geschlafen und es verpasst? Nein. Das gleiche Klappern von Tasten, nur langsamer und müder als vorher. Es ist Sonntag und morgen ist Abgabe. Diese verfluchte Arbeit. Das übermüdete Gesicht erscheint in der Küche, danach landet die nächste Tasse mit Überresten der Crema in der Spülmaschine. Die Arbeit geht weiter, nur kurze Pausen des Durchschnaufens, des Liegens auf dem Sofa, dass ich von hier aus beobachten kann. Der Tag fliegt dahin, immer im gleichen Rhythmus: Arbeit, Pause, Arbeit, Essen, Arbeit, Kaffee. Stundenlang, immer weiter. Die Schatten wandern, bis es wieder dunkel wird.
Dann ist es plötzlich still. Ganz still. Stille kann lauter sein, als der größte Lärm einer Großstadt. Stille dringt in die Ritzen zwischen alles Laute und kann erdrückender sein als der Druck der Tiefsee. Nur das leise Klacken der Uhr ist hörbar, alles andere ist eingehüllt in eine Stille, die alles erbarmungslos auffrisst, was ihr begegnet. Eine Stille, die jeden Tropfen Menschlichkeit aufsaugt, wie ein trockener Schwamm im Wasserglas.
Kapitel 4 – der letzte Kaffee
Montag. Es ist Montag, Tag der Abgabe. Er hat jetzt zwei Tage durchgängig gearbeitet und ist fertig. Keine Zeit mehr für Korrekturen, es muss genau so reichen, wie es jetzt ist. Als er in die Küche kommt, läuft der Drucker. Ich kann die Augenringe sehen, die Müdigkeit zwischen den Lidern. Ein letzter Kaffee bevor sie ein für allemal vom Tisch verschwindet. Eine Korrektur der gesamten Arbeit innerhalb von nur zwei Tagen. Unfassbar.
Hm. Ich hab grade beschlossen, dass ich einfach ein Buch schreibe, wenn ich das mit dem Examen wider erwartend nicht schaffen sollte. Und dieses Buch widme ich meiner Kaffeemaschine, die mich so gut behandelt und mich bisher noch nie im Stich gelassen hat.*
Unfassbar ist, was ein Mensch fähig ist, an zwei Tagen zu schaffen.
Grüße an dieser Stelle an alle, die mir bis hierher geholfen haben. Und auch an Matthias, der das Werk jetzt in den Händen hält und lesen darf
*P.S.: Ganz ehrlich: ich trinke so gut wie keinen Kaffee. Aber es war ein so schöner Aufhänger für die Geschichte. Was Murphy (meine Kaffeemaschine braucht ab sofort einen Namen und Murphy passt so schön) da aber erzählt hat, entspricht tatsächlich im Groben der Wahrheit. Meine Examensarbeit wurde zwei Tage vor Abgabe komplett umgeschrieben. Was und wieviel ich davon verschlimmbessert habe (übrigens ein Wort, was das Rechtschreibprogramm NICHT unterstreicht!), werden wir sehen, wenn ich die Zulassung erhalte, oder eben auch nicht.